YogaExpo Die Messe für Yoga, Ayurveda & Co.

Ganz entspannt im Business

Zur ersten Yoga-Messe in Deutschland strömten Tausende ins Münchner Messezentrum. Esoterische Nische war gestern. Heute ist Yoga die Ladestation der gestressten Mittelschicht.

Von FOCUS-Redakteurin Ellen Daniel. 

 

Kein Räucherstäbchenduft, wenig rotorange Baumwolle, keine mannshohen Statuen vom tanzenden Gott Shiva. Dafür stylische Faltblätter, lässige Sportmode und freundliche Damen in cremefarbenen Physiotherapeuten-Shirts an den Ständen. Die YogaExpo könnte auch eine Messe für Gesundheitsberufe oder Wellness-Tourismus sein. Auf den ersten Blick zumindest.

 

Ein bisschen anders ist es schon: Der Messelärmpegel ist merklich heruntergefahren, es geht sehr höflich zu in den langen Warteschlangen. Am Infostand zu den Workshops, beim Gemüse-Curry, den Energiebällchen und bei YogiStar, wo massenweise Gummimatten in allen Regenbogenfarben über die Verkaufstheke wandern.


Fünf Millionen deutsche Yogis


Der Markt wächst. Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland machen mittlerweile Yoga, schätzt der Bundesverband der Yogalehrer. Kein Wunder, dass Halle 4 des Münchner Messezentrums summt und brummt an diesem 23. und 24. Januar. Zur YogaExpo ist eine knappe Hundertschaft Aussteller aus dem deutschsprachigen Raum angereist, schon am ersten Tag dürften mehrere Tausend Teilnehmer Deutschlands erste Messe für Yoga und Ayurveda besucht haben.

Yoga-Kongresse und Seminare gibt es seit langem. Dabei stehen normalerweise das praktische Üben und der Austausch unter Yogalehrern im Vordergrund. Die YogaExpo tut den letzten Schritt aufs kommerzielle Parkett: Es geht um Produkte, um Dienstleistungen, Marketing und Netzwerke. Um ein Business, das seine geistigen Wurzeln in der Konzentration aufs Wesentliche hat.


Baguetteförmige Yogamatten-Tragetaschen


Das findet zumindest Matthias Beck, Geschäftsführer der Firma YogiStar, die ein Sponsor der Yoga-Messe ist und Workshop-Räume mit Hunderten von grauen und lila Matten ausgelegt hat. Garantiert ohne giftige PVC-Weichmacher, wie er betont. „Es ist eine feine Sache, dass Yoga von immer mehr Menschen entdeckt wird, und wir tragen gerne zu einer ästhetischen Erlebniswelt rund um diesen Weg bei“, sagt Beck, dessen Produktpalette von Unterlagen und Bällen über elastische Bänder hin zu Klötzen und baguetteförmigen Yogamatten-Tragetaschen reicht.

Richtig geschäftsmäßig will der Endvierziger mit der randlosen Brille trotzdem nicht werden: „Ich weiß nicht genau, wie viel Umsatzplus wir gemacht haben in den letzten Jahren, damit soll sich unser Steuerberater beschäftigen. Aber es läuft definitiv gut.“ In England und in den USA gebe es solche Messen seit langem, nicht von ungefähr habe die deutsche Yogi-Szene Hemmungen: „Das Talent der Deutschen sind die Philosophie und die Tiefgründigkeit, wir tun uns schwer mit dem Kommerz. Ich finde das eigentlich sympathisch.“


Zufriedenheit aus dem Nabel


Die Marketender des spirituellen Glücks tragen Anzug und Schlips, indische Seide oder Fleece-Pullover. Sie verkaufen Yogi-Kekse und Yogi-Tee, Chakra-Poster, Terracotta-Tiere, Kristallanhänger gegen Elektrosmog und Holzhocker für den assistierten Kopfstand. Ayurveda-Schönheitsfarmen präsentieren sich neben Yoga-Retreats im bayerischen Voralpenland. Yogaeasy.de, die erste Online-Yogaschule, stellt sich vor. Ganz in der Nähe zieht ein Kundalini-Energiearbeiter Blicke auf sich: Christian Rein bearbeitet die Wirbelsäule einer Messebesucherin mit fliegenden Fingern und vagen Bewegungen in der Luft. „Es geht darum, die Kraft der Kundalini, die am unteren Ende der Wirbelsäule sitzt, zu aktivieren und im Körper aufsteigen zu lassen“, erklärt der junge Mann mit den Easy-Rider-Koteletten seine Münchner Schule, die sich dem Sahaja-Yoga verschrieben hat. Die Entspannung stelle sich spontan ein, jeder Mensch reagiere da anders, nur erzwingen könne man nichts: „So, wie das Nabel-Chakra Zufriedenheit gebiert: Eine Zufriedenheit, die einfach da ist.“

Esoterisch findet der Münchner sein Tun keineswegs. Im Gegenteil: Er ist angetan, dass die Atmosphäre auf der YogaExpo eher nüchtern ausfällt, viele ganz ‚normale’ Leute unterwegs sind, die einfach mal reinschnuppern wollen: „Mir fehlen diese Palmblatt-Freaks nicht, die sich gleich hinsetzen und gegenseitig aus der Hand lesen, wie das bei den Esoteriktagen ist“, sagt Rein.


Gestresste Stewardessen

 

Das Publikum der YogaExpo ist gemischt männlich und weiblich, alle Altersstufen sind dabei, nur die richtig Jungen unter 30 sind rar. „Wir haben alle Berufe querbeet unter unseren Gästen“, bestätigt Elisabeth Radha Mück. Die Leiterin des Yoga-Hauses Samvit im bayerischen Schliersee bietet laufend Yoga-Ferien mit Meditationen, praktischem Üben des Hatha-Yoga und Vorträgen an. Außerdem können sich Yogalehrer mit ihren angestammten Gruppen tageweise im Haus einmieten.

 

Ein Tag Yoga-Ferien im Einzelzimmer kostet 70 Euro, vegetarische Verpflegung inbegriffen. „Die Menschen sind immer gestresster und müssen dringend Luftholen, wollen einfach Stille genießen“, beschreibt Mück die Bedürfnisse ihrer Hausgäste. „Das sind Stewardessen, Banker, Lehrerinnen, Ingenieure – eigentlich die ganze Mittelschicht“, sagt die Yogalehrerin mit dem blonden Pferdeschwanz und entschuldigt sich: In Raum 1 startet um 15 Uhr ihr Schnupper-Workshop: Gut Hundert Messebesucher haben erwartungsvoll die Schuhe ausgezogen und am Boden Platz genommen.


Yoga-Magazin mit Prominenten-Interviews


Auf der sicheren Seite eines Mega-Trends sieht sich auch Petra Lengnick. Die Verlagsleiterin vom „Yoga Journal“ ist mehr als zufrieden. Das vor einem Jahr auf den Markt gebrachte Blatt musste es ohne Werbeetat und Marketing schaffen. „Wir haben mitten in der großen Verlags- und Anzeigenkrise angefangen“, so Lengnick, die erst vor kurzem mit dem Yoga begonnen hat und „viele spannende Erfahrungen“ sammeln durfte.

Das Journal bietet Einblicke in die Szene, mit praktischen Übungsanleitungen, Prominenten-Interviews, ayurvedischen Rezepten und Specials wie aktuell zum Thema Schwangerschaft. Heute verkaufe sich das alle zwei Monate erscheinende Heft 21 000 mal am Kiosk, die Gesamtauflage sei auf 50 000 Stück geklettert, beteuert Lengnick. Und das, obwohl das „Yoga Journal“ mit einem Heftpreis von 3,90 Euro deutlich über den gängigen Frauen- und Livestyle-Titeln liegt.


Kinder im Schneidersitz


Yanik, Bram und Luca sitzen im Schneidersitz und machen einen zufriedenen Eindruck. Waltraud Jäger hat jeden eine Karte ziehen lassen, darauf ist ein Asana, eine Figur des Hatha-Yoga, gemalt. Dass die Figurennamen aus dem altindischen Sanskrit Kobra, Hund, Krokodil oder stolzer Krieger heißen, macht es den Jungs im Alter von vier bis acht Jahren leicht: Sie begreifen schnell, worauf es bei einer Haltung ankommt und finden es lustig, einmal ganz anders zu „turnen“.

Welches Bein auf welche Seite, wohin muss noch mal der Arm – die typischen Fragen von erwachsenen Anfängern sind Kindern fremd. Ab drei Jahren seien schon viele ansprechbar fürs Yoga, weiß Jäger, die auch Privatstunden daheim anbietet: „Wenn sich ein paar Familien zusammen tun, komme ich auch ins Haus, natürlich auch für Erwachsene. Das ist für viele Kunden eine attraktive Sache.“ Als Sporttrainerin begreift sich Jäger freilich nicht: Die diplomierte Tanz- und Ausdruckstherapeutin, die in Kalifornien Yoga erlernt hat, weiß um die inneren Nöte ihrer Kundschaft.


Yoga auf Rezept


„Viele Kinder sind dauergestresst und leiden unter Reizüberflutung“, sagt Jäger, die ihre Entspannungen mit Musik und spirituellen Texten begleitet. „Es gibt die erwachsenen Workoholics, die Angst kriegen, wenn sie mal still dasitzen und nur auf ihren Atem achten sollen. Und es gibt leider schon Kinder, die sehr traurig werden, wenn sie das Gleiche tun.“ Beiden fehle es an Selbstwahrnehmung und an Selbstliebe. „Leistung ist wichtig, aber nicht alles im Leben“, betont Jäger, die auch gestresste IT-Mitarbeiter nach Feierabend in den eigenen Firmenräumen zu mehr Gelassenheit führt: „Gerade hyperaktive Menschen, die immer zu schreien scheinen ‚Nimm mich wahr!’ erholen sich, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf sich selber lenken lernen, sich etwas Gutes tun.“ Ihre Stunden kosten zwischen 30 und 75 Euro.